Prozessfinanzierung: Was es ist, wie es funktioniert und warum immer mehr Unternehmen sie nutzen
Stellen Sie sich vor, Ihr Unternehmen hat einen berechtigten, aussichtsreichen Anspruch in Höhe von mehreren Millionen Dollar. Ihre Anwälte sind sich einig, dass der Fall absolut solide ist. Doch ein Rechtsstreit ist teuer —Anwaltshonorare, Gerichtskosten, Gutachter, jahrelange Verfahren— und die Bereitstellung dieses Kapitals für einen Prozess bedeutet, es dem operativen Geschäft, anstehenden Investitionen und dem Unternehmenswachstum zu entziehen.
Dieses Dilemma ist genau das Problem, das die Prozessfinanzierung löst.
In diesem Leitfaden erfahren Sie, was Litigation Funding ist, wie der Prozess Schritt für Schritt abläuft, welche Arten von Fällen abgedeckt werden, was passiert, wenn der Fall verloren geht, und warum sich dieser Mechanismus von einer Nischenpraxis zu einer globalen Industrie entwickelt hat, die jährlich Milliarden von Dollar bewegt.
Was ist Prozessfinanzierung?
Die Prozessfinanzierung —im internationalen Raum auch als Litigation Funding, Litigation Finance oder Third-Party Funding bekannt— ist ein Mechanismus, bei dem ein unbeteiligter Dritter das notwendige Kapital bereitstellt, um die Rechtskosten eines Gerichts- oder Schiedsverfahrens zu decken. Im Gegenzug erhält dieser Dritte einen Prozentsatz des finanziellen Erfolgs —jedoch nur, wenn der Fall gewonnen wird.
Geht der Fall verloren, trägt der Finanzierer den Verlust vollständig. Der Kläger muss nichts zurückzahlen. Dies nennt man eine Non-Recourse-Finanzierung (regresslos): Das investierte Kapital wird nur im Falle eines erfolgreichen Ausgangs zurückgewonnen.
Es ist kein Kredit. Es entstehen keine Schulden in der Bilanz und es sind keine dinglichen Sicherheiten erforderlich. Es handelt sich im Wesentlichen um eine Investition in einen rechtlichen Vermögenswert: das Recht auf Schadensersatz oder Durchsetzung eines Anspruchs.
Wichtige Kennzahl: Der globale Markt für Prozessfinanzierung wurde im Jahr 2024 auf rund 19 Milliarden USD geschätzt, mit Prognosen, dass er vor 2035 die Marke von 50 Milliarden USD überschreiten wird. Nordamerika und Europa sind volumenmäßig führend, aber Lateinamerika verzeichnet ein rasches Wachstum.
Wie es funktioniert: Der Ablauf Schritt für Schritt
Der Prozess folgt einer in der Branche weitgehend standardisierten Sequenz, wobei Bearbeitungszeiten und Prüfungstiefe je nach Finanzierer und Komplexität des Falles variieren können.
- Erstkontakt und NDA: Alles beginnt mit einem ersten Gespräch. Der Fall kann direkt vom Kläger, dessen Anwälten oder einer Partnerkanzlei herangetragen werden. Vor dem Austausch sensibler Informationen wird eine Vertraulichkeitsvereinbarung (NDA) unterzeichnet, um alle Parteien zu schützen.
- Anlage der Fallakte und Vorprüfung: Nach Unterzeichnung des NDA werden die relevanten Fallinformationen gesammelt, um eine erste Akte zu erstellen. In dieser Phase erfolgt eine Vorprüfung, um festzustellen, ob der Streitfall unseren Investitionskriterien in Bezug auf Jurisdiktion, Streitwert, rechtliche Erfolgsaussichten und Vollstreckbarkeit entspricht.
- Interne Tiefenanalyse: Besteht der Fall die Vorprüfung, führt unser Rechts- und Investmentteam eine detaillierte Due-Diligence-Prüfung durch. Wir prüfen die verfügbaren Dokumente, führen Q&A-Runden mit den mandatierten Anwälten und bewerten die materiell-rechtlichen Erfolgsaussichten, Risiken, die Schadenshöhe sowie die Bonität der Gegenseite.
- Ausstellung des Term Sheets: Fällt die Bewertung positiv aus, stellen wir ein Term Sheet mit den wichtigsten wirtschaftlichen Bedingungen der potenziellen Finanzierung aus. Unser Ziel ist Agilität: Sobald alle erforderlichen Informationen vorliegen, können wir in der Regel innerhalb von drei bis vier Wochen ein indikatives Angebot vorlegen.
- Verhandlung und Unterzeichnung des LFA: Nach Besprechung und Einigung auf die kommerziellen Bedingungen unterzeichnen die Parteien das Litigation Funding Agreement (LFA) —den Vertrag, der die Beziehung zwischen Loopa und der finanzierten Partei regelt.
- Externe Prüfung und Investitionsentscheidung: Nach Unterzeichnung des LFA können wir externe Rechtsanwälte, Gutachter oder spezialisierte Berater hinzuziehen, um spezifische Aspekte des Falls zu vertiefen. Mit diesen zusätzlichen Erkenntnissen wird die endgültige Investitionsentscheidung getroffen und das zugesagte Kapital zur Auszahlung freigegeben.
- Monitoring und laufende Begleitung: Während der gesamten Laufzeit des Verfahrens überwachen wir regelmäßig dessen Entwicklung. Dies bedeutet keine Kontrolle der rechtlichen Strategie oder Einmischung in prozessuale Entscheidungen —diese verbleiben in der ausschließlichen Verantwortung des Mandanten und seiner Anwälte.
- Erlösverteilung und Abschluss: Endet der Streitfall erfolgreich durch Vergleich, Urteil oder Schiedsspruch, werden die beigetriebenen Beträge gemäß den Vereinbarungen im LFA verteilt. Ist der Fall nicht erfolgreich, muss die finanzierte Partei nichts zurückzahlen, und Loopa verbucht die Investition als Totalverlust.
Welche Kosten werden durch die Prozessfinanzierung gedeckt?
Die Finanzierung kann auf praktisch alle mit einem Gerichts- oder Schiedsverfahren verbundenen Kosten angewendet werden:
- Anwaltshonorare (eigene Kosten und je nach Jurisdiktion auch gegnerische Kosten im Falle des Unterliegens).
- Gerichts- oder Schiedsgerichtskosten.
- Honorare für Gutachter und Sachverständige.
- Kosten für Discovery und Dokumentenproduktion.
- Reise-, Übersetzungs- und Logistikkosten.
- Kosten für die Vollstreckung (Enforcement) von Urteilen oder Schiedssprüchen.
- Betriebskapital während des laufenden Verfahrens (Working Capital).
Einige Finanzierer bieten auch eine vorzeitige Monetarisierung an: Sie schießen einen Teil des erwarteten Erlöses aus dem Verfahren vor, sodass das Unternehmen während des laufenden Prozesses über sofortige Liquidität verfügt. Dies ist besonders nützlich bei komplexen Wirtschaftsstreitigkeiten, die sich über mehrere Jahre hinziehen können.
Wer hat Zugang zu Prozessfinanzierung?
Allgemein kann jede natürliche oder juristische Person, die einen berechtigten und substanziell untermauerten Anspruch hat, eine Finanzierung beantragen. In der Praxis sind die Hauptnutzer:
- Unternehmen, die mit hochwertigen Wirtschaftsstreitigkeiten konfrontiert sind, aber ihren operativen Cashflow nicht blockieren wollen.
- Anwaltskanzleien, die ihren Mandanten Finanzierungslösungen anbieten oder Fälle auf Basis eines Erfolgshonorars annehmen möchten.
- Einzelkläger bei Verfahren mit erheblichem Streitwert (gewerblicher Rechtsschutz, Erbstreitigkeiten, schwere Personenschäden).
- Klägergruppen im Rahmen von Sammelklagen (Class Actions / Verbandsklagen).
- Gläubiger, die nicht titulierte oder unbezahlte Urteile und Schiedssprüche vollstrecken müssen.
Jeder Finanzierer hat seine eigenen Anlagekriterien. Bei Loopa finanzieren wir hochwertige Wirtschaftsstreitigkeiten und Schiedsverfahren sowohl in Lateinamerika als auch in Kontinentaleuropa. Unser Fokus liegt auf Vertragsstreitigkeiten, Bau und Infrastruktur, Energie, Bergbau, Finanzdienstleistungen, Insolvenzen, Asset Recovery, Investitionsschiedsverfahren, Umweltstreitigkeiten, Kartellrecht (Antitrust) und anderen komplexen Handelskonflikten.
Im Allgemeinen suchen wir nach Ansprüchen mit einem Mindeststreitwert von 1 Million USD, was uns erlaubt, ein angemessenes Verhältnis zwischen Risiko, Laufzeit und erwarteter Rendite zu wahren. Neben der laufenden Kostenübernahme bieten wir auch Lösungen zur Monetarisierung von Urteilen und Schiedssprüchen an, sodass Unternehmen und Privatpersonen noch vor der finalen Vollstreckung auf Liquidität zugreifen können.
Warum ist Non-Recourse so wichtig?
Das Prinzip der Non-Recourse-Finanzierung ist das Herzstück der Prozessfinanzierung und unterscheidet sie grundlegend von einem Bankkredit.
Bei einem traditionellen Kredit verwertet die Bank bei Zahlungsunfähigkeit des Schuldners dessen Sicherheiten. Bei der Prozessfinanzierung gibt es keine dinglichen Sicherheiten. Wenn der Fall verloren geht, verliert der Finanzierer sein Geld. Punkt. Es gibt keinen Rückgriff (Regress) auf den Kläger oder dessen Unternehmensvermögen.
Konkrete Vorteile:
- Es erscheint nicht als Verbindlichkeit in der Bilanz des Unternehmens.
- Es hat keinen Einfluss auf Finanzkennzahlen (Ratios) oder Kredit-Covenants.
- Es verlagert das wirtschaftliche Risiko des Prozesses vollständig auf den Finanzierer.
- Es sorgt für Gleichrichtung der Interessen: Der Finanzierer verdient nur, wenn der Kläger gewinnt.
Für einen CFO bedeutet dies, dass er einen Millionenanspruch durchsetzen kann, ohne das EBITDA zu belasten oder Kreditlinien anzugreifen. Für einen Anwalt bedeutet es, seinem Mandanten eine Lösung anzubieten, die die finanzielle Hürde eines Prozesses komplett beseitigt.
Arten von finanzierten Fällen
Die Prozessfinanzierung erstreckt sich auf ein breites Spektrum von Streitigkeiten. Die häufigsten Fallkonstellationen umfassen:
| Falltyp | Beschreibung |
|---|---|
| Wirtschaftsverfahren | Vertragsbruch, Gesellschafterstreitigkeiten, Wirtschaftskriminalität, Schadensersatz zwischen Unternehmen. |
| Internationale Schiedsverfahren | Handelsschiedsgerichtsbarkeit (ICC, LCIA, HKIAC) und Investitionsschiedsverfahren (ICSID). Eines der am schnellsten wachsenden Segmente. |
| Gewerblicher Rechtsschutz | Verletzung von Patenten, Marken und Geschäftsgeheimnissen. Häufig in Märkten wie den USA und Deutschland. |
| Kartellrecht (Antitrust) | Schadensersatzforderungen aufgrund von wettbewerbswidrigen Praktiken, Kartellen oder Missbrauch einer marktbeherrschenden Stellung. |
| Sammelklagen | Class Actions oder Verbandsklagen von Verbrauchern, Investoren oder durch Umweltschäden Betroffenen. |
| Vollstreckung (Enforcement) | Liegt bereits ein positives Urteil vor, aber die Gegenseite zahlt nicht, kann auch die Zwangsvollstreckung finanziert werden. |
Prozessfinanzierung vs. andere Alternativen
Eine häufige Verwechslung besteht darin, die Prozessfinanzierung mit einem Bankkredit oder einer reinen Erfolgshonorarvereinbarung gleichzusetzen. Es sind grundverschiedene Instrumente:
- vs. Bankkredit: Ein Kredit generiert Schulden, erfordert Sicherheiten und muss unabhängig vom Ausgang des Falles zurückgezahlt werden. Die Prozessfinanzierung ist non-recourse und bilanzneutral.
- vs. Erfolgshonorar (Quota Litis): Beim Erfolgshonorar verzichtet der Anwalt ganz oder teilweise auf sein Honorar gegen eine Erfolgsbeteiligung. Bei der Prozessfinanzierung finanziert ein externer Dritter (nicht der Anwalt) die Barauslagen und übernimmt das Kostenrisiko. Beide Mechanismen können koexistieren.
- vs. Prozesskostenversicherung (ATE/LEI): Die Versicherung deckt primär das gegnerische Kostenrisiko im Verlustfall ab. Die Prozessfinanzierung deckt die laufenden eigenen Kosten, um den Prozess überhaupt erst aktiv führen zu können. Es sind komplementäre Werkzeuge.
Der globale Markt: Wo wir heute stehen
Was Mitte der 90er Jahre als Nische in Australien und Großbritannien begann, hat sich zu einer globalen Industrie entwickelt. Heute bewegt der Markt für Prozessfinanzierung jährlich zwischen 19 und 25 Milliarden USD. Konservative Schätzungen gehen davon aus, dass er vor 2035 die Schwelle von 50 Milliarden USD überschreiten wird.
Zu den Hauptakteuren gehören börsennotierte und spezialisierte Fonds wie Burford Capital, Omni Bridgeway, Deminor, Therium, Harbour und Validity Finance. Mittlerweile fließt jedoch auch verstärkt Kapital von Pensionsfonds, Hedgefonds, Staatsfonds und Family Offices ein, die Rechtsansprüche als eine Anlageklasse betrachten, die mit den traditionellen Finanzmärkten nicht korreliert ist.
Lateinamerika entwickelt sich zu einem Markt mit hohem Potenzial. Länder wie Mexiko, Argentinien, Kolumbien, Chile und Brasilien verzeichnen eine zunehmende Nutzung dieses Instruments, angetrieben durch die Komplexität von Handelsstreitigkeiten und den Bedarf an Zugang zu Justiz bei hohen Streitwerten.
Wie Sie starten
Wenn Sie ein hochwertiges Gerichts- oder Schiedsverfahren führen müssen und Finanzierungsoptionen prüfen möchten, ist der erste Schritt denkbar einfach: Reichen Sie Ihren Fall für eine unverbindliche Vorprüfung ein. Dies ist kostenfrei, und absolute Vertraulichkeit ist ab dem ersten Kontakt garantiert.
Haben Sie einen Fall?
Bei Loopa prüfen wir Gerichts- und Schiedsansprüche mit einem Streitwert von über 1 Million USD. Wir bieten eigenes Kapital, schnelle Entscheidungswege und absolute Diskretion.
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